Der Kautschuk und das Kriegswaffengesetz

Du nutzt es, ich nutze es. Jeden Tag. Kautschuk. Seit Jahren wird die Bedeutung des Natur-Kautschuk durch synthetische Alternativen gemindert, und doch findet es Erwähnung im deutschen Kampfmittelgesetz. Aber was hat es eigentlich damit auf sich? Wie wird er produziert, wo kommt es her? All die Fragen werde ich dir jetzt beantwortet. Schließlich ist unser aller Leben ohne den milchigen klebrigen und auch stinkenden Saft vom Kautschuk mittlerweile undenkbar geworden.

 

Geschichte

Als die Portugiesen im 15 Jhd. damit begonnen haben Südamerika zu besiedeln konnte damals noch keiner erahnen, welche wichtige Rolle die "Tränen des Baumes" später einmal einnehmen werden. Die Eroberer waren erstaunt über die wasserabweisenden Schuhe und auch Kleidung der Indigos und Azteken. Doch so recht konnten sie mit dem klebrigen Saft nichts anfangen. Die Einheimischen jedoch spielten damit Ball oder formten Schläuche und Trinkgefäße. Und das schon bereits 1600 v. Chr.

 

Der Kautschuk Siegeszug

Mitte des 18. Jahrhunderts waren dann wir hier in der Europa auch mal in der Lage Kautschuk für uns zu entdecken. Nach und nach wurden immer neue Anwendungsmöglichkeiten entwickelt. Vom Radiergummi (1770) über den Regenmantel (1824) bis hin zu den „Wellington Boots“ , den ersten Gummistiefeln. Der eigentliche Durchbruch für die Verwendung von Kautschuk gelang 1833 Charles Goodyear. Dieser schaffte es mehr durch Zufall und experimentierfreudiger Besessenheit den Saft zu vulkanisieren. Hier zu später mehr. Von nun an gab es kein Halten mehr. 1888 klebte Dunlop Gummistücke zu einem aufblasbaren Reifen zusammen und 1894 entwickelte Michelin die ersten Autoreifen. Der Siegeszug hatte begonnen.

 

Anbaugebiete

Die heutigen Anbaugebiete von Kautschuk befinden sich besonders im asiatischen Teil unseres Planeten. Vor allem in Thailand habe ich während unserer Langzeitreise einige Plantagen besuchen können. Kein Wunder – ist ja auch Weltmarktführer für das klebrige Gold. Etwas mehr als 1/3 stammt aus diesen Anbaugebieten. Dabei kommt der Kautschuk aber ursprünglich aus Südamerika. Die ersten Plantagen wurden 1880 gepflanzt. Es dauerte etwa 40 Jahre bis Brasilien als Nummer Eins der Produktionsländer abgelöst wurde. Brasilien hatte dabei einfach den Nachteil, dass es nicht im Plantagensystem produzieren kann. Im Amazonasgebiet, wo der Kautschukbaum wächst, können auf Grund eines Pilzes nur 2 Bäume pro Hektar Land wachsen. Das musste auch Henry Ford schmerzhaft lernen, als seine Plantage innerhalb von einem Jahr vernichtet wurde.

Kautschuk - Weltkarte

 

Neben Thailand sind Indonesien, Malaysia, Indien, China und Vietnam die größten Produzenten von Kautschuk. Zusammen konnten diese Länder 2005 unglaubliche 7457 Tonnen Kautschuk erzeugen. Alleine Thailand produzierte fast die Hälfte davon.

 

Des einen Freud, des anderen Leid

Aber wenn wir genauer hinsehen, konnten sich die asiatischen Länder ihr „Monopol“ wirklich nur durch diese eine glückliche Begebenheit erarbeiten. Sie liegen einfach weit genug weg von Südamerika und besonders von Brasilien. Der Pilz Microcyclus ulei hat es zum Glück bislang noch nicht geschafft in diese entfernten Gebiete vorzudringen. Hoffen wir, dass es so bleibt!

Der Schlauchpilz ist nur für den Kautschuk gefährlich. Obwohl der Regenwald wahrscheinlich der lebensreichste Punkt auf Erden ist, so ist er für den Pilz wie eine Wüste. Er hat nur ein kurzes Zeitfenster, um den Baum zu befallen. Während der Trockenzeit wirft der Kautschukbaum all seine Blätter ab, die in der anschließenden Regenzeit innerhalb von 1-3 Tagen schlagartig nachwachsen. Genau hier greift der schlagartig Pilz an. Aus dem Hinterhalt, wie bei einem spannenden Krimi ^^

 

Kautschuk - Bäume

 

Der Kautschuk steckt all seine Energie in das Wachstum der Blätter und bildet so, nur wenig Abwehrkräfte (Blausäure) aus, um sich gegen den Befall zu schützen. Da nur wenige Wirtspflanzen für den Pilz vorhanden sind geht auch seine Entwicklung rasend schnell. Die befallenen Pflanzenteile samt Blättern sind innerhalb weniger Stunden mit seinem Hyphen überzogen. Einzig und alleine ausgewachsene Blätter können den Befall mindern. Diese sind in der Lage die Zellen rund um den Eindringling absterben zu lassen, um so das weitere Ausbreiten zu verhindern. Stehen mehr als 2 Bäume auf einem Hektar, verbreitet sich der Pilz rasend schnell und das Sterben der Bäume ist vorprogrammiert. Wie du siehst ist damit die Plantagen-Kultivierung in Südamerika aussichtslos!

 

Die Gefahr für die Weltproduktion

An sich klingt das erstmals nur nach einem lokalen Problem für den Kautschuk. Doch nicht ohne Grund wird der Pilz Microcyclus ulei in Deutschland als Kampfmittel vom Kriegswaffenkontrollgesetz reguliert. (Ich konnte es am Anfang auch nicht glauben!)
Die Behörden, nicht nur hier zu Lande, sehen in der Verbreitung dieses Pilzes eine enorme Gefahr für die gesamte Weltwirtschaft. Da nicht alles mit synthetischem Methyl-Kautschuk hergestellt werden kann, sind wir auf die Natur angewiesen. Sollte der Pilz seinen Weg nach Asien finden wird es einen Zusammenbruch der Produktion geben. Um dieser Gefahr vorzugreifen, arbeiten großen Autoreifenhersteller wie Michelin oder auch Dunlop mit Wissenschaftlern, Botanikern und Instituten zusammen, um resistente Kautschukbäume zu züchten.

 

Gewinnung

Rohstoff

Die Gewinnung des Kautschuk gehört mit zu den Errungenschaften der Nutzpflanzenkunde. Produziert wird das klebrige Gold aus dem Milchsaft (Latex) des Baumes Hevea brasiliensis. Die erste Ernte ist nach 5-6 Jahren zu erwarten. Also eine ganz schön lange Zeit. Um nicht den ganzen Bestand zu fällen, sondern immer anhaltende Ernten einzufahren wurde ein ganz einfaches aber spezielles Verfahren bereits von den Indigos entwickelt. Um den Baum - wie sie es nennen „zum weinen zu bringen“, wird mit einem scharfen Messer, die Rinde bis in die Bastschicht in einem nach unten führenden Bogen angeritzt. Am Ende des Schnitts wird die Rinde umgeknickt und zu einer Art Ausgusshahn geformt.

 

Kautschuk - Ernte

 

Darunter wird ein Schälchen gehängt, um den frischen Milchsaft aufzufangen. Dieser läuft die Schnittstelle entlang und tropft gemächlich in das Gefäß. Mit der Zeit trennen sich Wasser (65-70%) und Gummianteil(30-35%) von einander. Es bildet sich ein weißer Klumpen in wässriger Flüssigkeit, der später einfach eingesammelt werden kann. Nach 20 Jahren versiegt die Latex-Produktion des Baumes und die Plantagen werden gerodet. Das widerstandsfähige Holz wird heute bevorzugt zur Möbelproduktion verwendet. Über den Anbau des Kautschuk in Monokultur lässt sich jedoch weiterhin streiten.

 

Kautschuk - Walzen (1)

 

Aber weiter im Text. Die unförmigen Klumpen, die auf den ersten Blick etwas an Pizzateiglinge erinnern, werden in den Werkstätten der Bauern anschließend gewalzt und getrocknet. Während des Trocknungsvorganges schrumpfen sie immer weiter zusammen, muffen wie verrückt und nehmen eine immer stärkere gelbe Farbe an. Ein Vergnügen ist es wirklich nicht, an 2 Tage angetrockneten Kautschuk vorbei zu laufen. Bähhhh.

Kautschuk - Trocknen (1)

 

Die trockenen, zähen Kautschuk-Matten einer ganzen Region, werden dann von größeren Weiterverarbeitungsfirmen abgeholt. Teilweise auch mit den Schiff von kleinen Inselbauern wie auf Koh Mak. In den Fabriken werden sie eingehend behandelt um den Kautschuk-Produkten ihre typische robuste Eigenschaft zu verleihen.

 

Bearbeitung des Rohstoff: Ein bisschen zur Chemie

Mit der Pflanzung und Gewinnung von Kautschuk ist es ja noch nicht getan. Seit der glücklichen Entdeckung von Charles Goodyear, kann der Milchsaft industriell verwendet werden. Wie schon erwähnt ist die Vulkanisierung dafür verantwortlich. So und was ist das jetzt?

Ich würde jetzt gerne sagen – ganz einfach, aber naja… Ich versuche es mal.
Es werden die langkettigen Moleküle, die sich in der Regel gegeneinander bewegen, über Einfluss von Schwefel und Hitze gefestigt und Brücken zueinander geschlagen. Dadurch erhält der Gummi seine elastische Form. Je mehr Schwefel und je länger das Verfahren dauert, desto härter wird der Gummi, da mehr Schwefelbrücken vorhanden sind. Im Laufe der Zeit wird der Schwefel langsam durch Sauerstoff ersetzt. Das ist ein natürlicher Prozess und schwer zu beeinflussen. Das führt am Ende dazu, dass der Gummi spröde und porös wird. Wir alle kennen das von Gummiringen.

Diese Anwendung findet auch beim synthetischen Kautschuk Verwendung. Allerdings werden hier anstatt der Schwefel Peroxide, Metalloxide oder energiereiche Strahlung eingesetzt.

… Ich hoffe das war jetzt wenigstens ein bisschen verständlich …

Der Name Vulkanisierung erklärt sich dann wohl von selbst. Es ist heiß und stinkt nach Schwefel – eben wie in einem Vulkan. Zumindest dieser Teil ist einfach zu erklären. 😀

 

Verwendung

Kautschuk findet sich in unserem Alltag überall. Wärmflaschen, Schnuller, Dichtungen, Telefontasten oder auch Kondome. Also einfach überall. 70 % des Naturkautschuks gehen allerdings in die Produktion von Autoreifen.

 

Kautschuk - Autoreifen

 

Dies war auch ein Grund für staatlichen Kontrollen und Regulierung während des zweiten Weltkrieges in den USA. Als Japan die Kontrolle über die asiatischen Anbaugebiete erlangte wurde der Kautschuk knapp. Präsident Roosevelt richtete daraufhin einen Kautschukfond ein. Jeder der ein Pfund abgab bekam einen Penny. Die Geschwindigkeit auf den Straßen wurde auf max., 50 km/h gedrosselt und auch das Benzin wurde rationiert. Damit sollte der zivile Verbrauch von Kautschuk reduziert und der militärische Nutzen erhöht werden.

 

Untergang des Natur-Kautschuk?

Bis in die Mitte des 20 Jahrhunderts war der Naturkautschuk überall im damaligen Leben vertreten. Mit Einzug der Weltkriege, besonders des Zweiten, sahen sich die Nationen, egal ob Alliierte oder Deutsche gezwungen nach Alternativen zu suchen. Der Deutsche - Fritz Hofmann entwickelte schon während des ersten Weltkrieges den synthetischen Gummi aus Dimethyl-Butadien oder auch Methyl-Kautschuk genannt. Im Verlauf des zweiten Weltkrieges produzierte der Chemiekonzern I.G. Farben den nötigen Gummi für die Kriegsproduktion. Auch in den USA wurde der synthetische Kautschuk in Massen produziert, allerdings nur durch einen Zwangsbeschluss des Kongresses.

Nach Kriegsende war man der Meinung den Kautschuk durch die Synthetische Variante ersetzen zu können. Doch die künstlichen Alternativen sind selten besser als die Natur und so ist es auch hier. Meist werden heute Synthetik und Natur in einer Kombination mit einander verwendet. So können beide Materialien ihren ganz eigenen Vorteilen zu vereinen.

Alternativen

Der Kautschukbaum galt lange Zeit als einzige Pflanze für die Gummiproduktion. Die Suche nach Alternativen während der Weltkriege ließ die Wirtschaft zum einen auf den synthetischen, wie auch auf weitere Pflanzen stoßen, die sich für die Herstellung eigneten. Allerdings macht der Gehalt von 25 – 35 % Kautschuk des Milchsaftes es nicht gerade einfach, eine passende natürliche Alternative zu finden.

 

Guayule

In den USA konzentrierte sich die Forschung auf den Zwergstrauch Guayule. In dessen Wurzel, Stängel und teilweise auch Blättern ein Kautschukgehalt von 5 – 7 % nachgewiesen werden konnte. Hierzu wird die gesamte Pflanze geerntet, gemahlen und anschließend das Kautschuk ausgewaschen. Der Kautschuk der Guayule hat einen riesen Vorteil gegeben über dem Herkömmlichen. Er besitzt keine allergieerzeugende Wirkung und wird mittlerweile vor allem für Produkte eingesetzt die einen Hautkontakt voraussetzten. Zum Beispiel Einmalhandschuhe für Ärzte oder Matratzen.

 

Löwenzahn

In Europa dagegen Konzentrieren wir uns auf den Löwenzahn. Ja du hast richtig gehört. Seit kurzem bin ich ein riesen Fan dieser kleinen gelben Blüte. Erst entlarve ich sie als heimisches Superfood und jetzt ist sie auch noch eine Alternative für den Kautschuk! Und viele sehen sie immer als Ärgernis im Garten. – Ich hoffe das ändert sich jetzt!!!

 

Kautschuk - Löwenzahn

 

Da Guayule nur in den Wüstengebieten von Texas, New Mexiko oder Mexiko kultiviert werden kann, fiel diese für die europäische Kriegsproduktion weg. Löwenzahn kommt bekanntlich in Hülle und Fülle auf unseren Wiesen vor und besitzt sogar einen höheren Anteil an Kautschuk als der Zweigstrauch. Um die 10 % sind hier normal.
Die Russen produzierten 1941 bereits 30 % des Bedarfs an Kautschuk ausschließlich über Löwenzahn. Allerdings wurde diese Tatsache nach Ende des Krieges wieder lange vergessen und erlebt nun eine richtige Renaissance.

 

FAZIT

Ich stelle regelmäßig fest, wie abhängig wir doch von einigen Naturstoffen (nicht nur Nahrungsmittel) sind. Im gleichen Atemzug wird mir auch immer wieder oft bewusst, wie wenig wir eigentlich für deren Erhalt und Schutz unternehmen. Zu Kriegszeiten wurden den Leuten schlagartig klar welche dramatischen Folgen der Verlust des Kautschuk nach sich ziehen würde und ganz nach deutscher Tradition wurde ein Gesetz erlassen.

 

Kautschuk - Müllproblem Thailand

 

Die Suche nach Alternativen ist eine Seite damit umzugehen. Eine ganz andere ist es, sich endlich mehr für die Umwelt und deren Erhalt einzusetzen. Und da spreche ich nicht von Dingen wie der sinnlosen neuen Düngeverordnung unseres Landwirtschaftsministers. Hören wir doch endlich auf der Lobby in den Arsch zu kriechen und fangen wir an aktiv zu werden. Thailand ist jetzt noch im Stande Kautschuk zu kultivieren. Aktuell unternehmen wir jedoch nichts, außer brav weg zu sehen, während der Müll der gesamten Welt in Asien an die Strände gespült wird. Da brauchen wir uns in ein paar Jahren wirklich nicht wundern, wenn die Natur in diesen Regionen kapituliert. So das musste ich mir jetzt mal von der Seele reden ^^

Wie du siehst ist Kautschuk aus unserem Leben nicht mehr weg zu denken. Allerdings müssen wir uns endlich auch aktiv um dessen Erhalt kümmern. Der Schutz der Umwelt vor übermäßiger Müllbelastung, die Abholzung des Amazonasregenwaldes und die mögliche Gefahr der Ausbreitung von Microcyclus ulei. All diese Dinge müssen uns endlich dazu bewegen, auch über den Verbrauch von Gummi nach zu denken. Nicht nur über Plastik!
Hast du dir schon einmal ernsthaft Gedanken über deinen Gummi / Kautschukverbrauch gemacht?

Lass es mich wissen in den Kommentaren oder auch auf Facebook.

Bis bald !
Pia

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